Pressemeinungen

Auf der Sonnenterrasse des Lebens
Schneeschuh- und Schlittelfans auf den urchigen Weissenbergen wissen:
Hier bleibt der Stress auf der Strecke
VON MARTINA BORTOLANI
Die Glarner haben den Schalk vermutlich erfunden. An der Talstation der Luftseilbahn Weissenberge in Matt lacht der
Billettmann aus seinem Kabäuschen und sagt: «Retour? Ach, da oben ist es so schön, Sie wollen gar nicht mehr hinunter.»
Er zwinkert und schiebt mit seinen Arbeiterpranken das Ticket durch den kleinen Schlitz.
Eine rote Gondel schwebt über Ferienhäuschen und Tannenwipfel 400 Meter steil hinauf. Mit einem Ruck keilt sich die
Gondel auf 1300 Meter ü. M. in der Bergstation fest. Beim Aussteigen hat es keiner eilig, die Leute reihen sich
munter plaudernd hintereinander ein. Die Luft ist eisig kalt und zieht in die Lungenflügel.
Es ist Abend auf den Weissenbergen, der Sonnenterrasse im glarnerischen Sernftal. Ein Dorf mit dreissig Ganzjahresbewohnern,
darunter sechs Bauernfamilien. Hinzu kommen zwei Dutzend Feriengäste. Es riecht nach verbranntem Holz, die Stille der Berge
reguliert sogleich den gehetzten Atem der Unterländer. Obwohl die Weissenberge zur Region Elm gehören, herrscht hier noch
touristische Unschuld. Man komme zum Schlitteln her, zum Schneeschuhwandern. Man isst währschaft, übernachtet rustikal
und ist glücklich. Hightech-Pisten, Gourmetrestaurants und Hochgeschwindigkeitsgondeln stehen im Prospekt anderer
Wintersportgebiete. Neidisch sind die Leute in den Weissenbergen deswegen nicht.
Die Gondelfahrer marschieren zehn Minuten über einen verschneiten Weg, einige ziehen Holzschlitten mit Lammfellen hinter
sich her. Lichter leuchten aus den Ferienhausstuben. Bestimmt brutzeln dort Käsescheiben in den Racletteöfen,
Silberzwiebeln und dampfende Kartoffeln werden über Holztische gereicht.
Gasthaus Edelwyss: Es braucht nicht viel, um gut zu schlafen
Das Berggasthaus Edelwyss empfängt die Ankommenden mit heimeliger Idylle. Zwanzig Schlitten stehen vor dem Eingang Spalier.
Es lockt die Wärme der Gaststube. Ein rothaariger Bub lacht uns an und sagt höflich, ganz Juniorchef: «Bestimmt
möchten Sie zuerst mal das Gepäck abladen?» Thomas, der zwölfjährige Sohn der Familie Marti-Tischhauser,
den Betreibern des Edelwyss, führt in den Stock über der Gaststube und öffnet die Tür zu einem kleinen Doppelzimmer.
Bett, Lavabo, Täferdecke, Jesusbild. Es braucht nicht viel, um gut zu schlafen.
Die Alpenherberge fasst drei Doppelzimmer und zwei Massenschläge. Grosse, graue Filzpantoffeln stehen auf der Treppe.
Alice und Heiri Marti führen das Gasthaus seit 14 Jahren. Sie erzählen mit der Bescheidenheit der Rechtschaffenen,
dass ihnen Hochglanz-Tourismus nicht viel sagt. Ehrliche Leistung und die familiäre Ausstrahlung - das suchten die
Leute auf den Weissenbergen.
Tatsächlich sind über die Hälfte der Besucher, die hier übernachten, Stammgäste. Der Tenor fällt einstimmig aus:
Das Normale und Urchige machen das Edelwyss und die Weissenberge zum Geheimtipp. Ein Einheimischer sagt: «Darum sind
wir über Journalisten hier oben gar nicht so glücklich.» Doch er lacht und trinkt einen langen Schluck aus seinem Bierglas.
Nicht mal 50 Franken kostet die Übernachtung im Doppelzimmer. Dabei ist ein einfaches Frühstück mit Alpkäse, Konfitüre,
Butter, Honig und Ovomaltine. Die Zutaten für das Essen im Edelwyss kommen, wenn immer möglich, aus der Region.
Den Käse liefert der befreundete Senn Hans Elmer von der Krauchtal-Alp, das Fleisch und die Milch liefern die
eigenen Kühe der Martis, die im Sommer auf der Alp und im Winter unten in Matt im Stall leben. Der Honig wird im
Klöntal eingekauft, den Schnaps braut der Hausherr selber. «Die Idylle fällt uns auch nach vielen Jahren jeden Tag
wieder auf», sagt Heiri Marti, Bauernsohn aus Matt. «Wir arbeiten streng während der Saison, aber dafür leben wir da,
wo andere Ferien verbringen.» Seine Frau Alice, eine emsige Allrounderin und Bio-Köchin, die auch bei fünfzig Mittagsmenus
ein Lachen im Gesicht ergänzt: «Schlitteln können hier schon Zweijährige.»
Krauchbachschlucht: Nach dem Schlitteln ein Käsefondue
Die Marti-Kinder flitzen im Winter täglich die drei Kilometer ins Tal zur Schule, selbstverständlich immer mit Helm.
Denn die Fahrt durch die romantische Krauchbachschlucht ist zwar wunderschön, aber steil und rasant. Die Gondelbahn
bringt die Edelwyss-Kids dann wieder auf den Berg.
Manchmal fährt die Gondel spät am Abend, ausserhalb des Fahrplans. Für eine grössere Nacht-Schlittelgruppe verlässt
Luftseilbahn-Betreiber Jan Zogg auch mal den TV-Sessel. «Wir unterstützen uns gegenseitig», sagt Heiri Marti,
«nur zusammen mit der Luftseilbahn ist es möglich, den Gästen ein rundes Programm zu bieten.» Heisst zum Beispiel:
drei Schlittelfahrten, danach ein Käsefondue im Edelwyss-Stübli.
Wer sich nach zwei Verdauungsschnäpsen dann die Krauchbach-Schussfahrt nicht mehr zutraut, zieht nach Mitternacht
die Schuhe aus, schlüpft in die Filzpantoffeln und schlurft hinauf in die Schlafräume. Dort putzt er sich mit
Bergquellwasser die Zähne und fällt kurz darauf in einen wohligen, tiefen Schlaf. Und träumt entweder vom
selbstgebackenen Zopf von Alice Marti am nächsten Morgen oder vom Billettmann in der Talstation, der nicht
zu viel versprochen hatte.
Publiziert am 29.11.2009
von: sonntagszeitung.ch
Was der "St.Galler Bauer" schrieb
Juni 2008
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